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Putze in der Architektur! Putze im weitesten Sinn sind ebenso alt und werden so vielfältig verwendet wie es architektonisches Denken gibt. Die Schaffung einer konsistenten Oberfläche, einer Haut über eine Konstruktion geworfen, lässt sowohl das atavistische Bild der Zelthaut aufblitzen als es auch an Inkrustierungen und Veredelungen von Steinoberflächen denken lässt. Durch die große Spannweite der Anwendungsmöglichkeiten, auch auf unterschiedlichstem technischen und künstlerischen Niveau, an der Außenfassade ebenso wie im Inneren des Gebäudes, ist das Prinzip Putz zum universellsten technischen Gebäudeteil wie auch künstlerischen Ausdrucksmittel aller Zeiten avanciert.

Gottfried Semper hat das Prinzip der Bekleidung in einem sehr weiten Sinn gefasst. „Die Glasur des Ziegels, die Stukkatur, die Holzvertäfelung, der ephemere Festschmuck, die Mosaiken, Inkrustationen etc.“ werden hier subsumiert. Hier verlässt er die Basis einer rein „materialistischen Determination“ des Kunstwerkes und unterstreicht dessen „Metamorphose vom Gebrauchsgegenstand zum Symbol“. In seiner Stoffwechselthese überträgt er das aus der Textilkunst stammende Verhältnis von Körper und Bekleidung auf die Entwicklung der Baukunst als die Möglichkeit der Überhöhung und Sublimierung der zweckbestimmten und materialgerechten Form durch Transformation mittels eines Materials in ein anderes Material. Der im Prinzip neutrale Charakter des Putzes hat dieses Potential an Übertragungsfähigkeit und erreicht damit die Emanzipation der Form vom „rein Stofflichen und dem nackten Bedürfnis“ und „die Vernichtung der (materialmäßigen) Realität ist notwendig, wo die Form als bedeutungsvolles Symbol, als selbständige Schöpfung des Menschen hervortreten soll“.

Gerade die Moderne hat gezeigt, dass die isotrope Verwendung einer Oberflächenstruktur (Verputz) auf die nächste Ebene verweist, auf die geschlossene, fugenlose, körperhafte, skulpturale Form. Oft wird die ins Material Putz eingeschriebene Neutralität mit Charakterlosigkeit gleichgesetzt und dabei das enorme Gestaltungs- und Übertragungspotential unterschätzt. Jedes Material ist dumm, wenn man es nicht intelligent verwendet. Gerade die Universalität des Materials Putz führte in letzter Zeit des öfteren zu einer flachen, missbräuchlichen, den Möglichkeiten des Materials nicht angemessenen Verwendung. Auch die konventionelle, aber preisgünstige Standardkonstruktion Beton-Vollwärmeschutz-Putz für das Kleinhaus wie auch für den Massenwohnbau müsste eine kulturelle Überarbeitung bzw. Überformung erfahren. Ausgehend von der Urbestimmung des Materials Putz als das Material der fugenlosen Bekleidung, könnten die neuen Impulse ausgehen, die eine Emanzipation vom rein Stofflichen und vom rein Konventionellen hin zu einem neuen Potential in der Architektur bewirken.


Prof. Adolf Krischanitz, Architekt Krischanitz ZT GmbH, Wien, Zürich